Parzival

Ein Entwicklungsroman - als "thumber Thor" zieht er aus, um "Ritter" zu werden, aber auch ein Roman, der vor Zuversicht strotzt: Alles kann im Leben erreicht werden, sei es noch so unwahrscheinlich, wenn man fest daran glaubt, und nie aufgibt. Nicht nur wird er tatschlich zum Ritter, er schafft es auch, zweimal die Gralsburg zu finden. Vom "thumben Thoren" wird er zum vollendesten aller Menschen - zum Gralsknig.

Ein Roman voller Zuversicht, ein Roman, der dazu aufruft, niemals aufzugeben - und niemals vom rechten Weg abzuweichen. Parallelen zwischen Parzival und Jesus Christus sind sicherlich vorhanden, und auch sicherlich nicht zufllig; dennoch gibt es auch Unterschiede: whrend Jesus als fehlerloser Gott geboren wird, und bereits als Kind im Tempel mit den Priestern diskutiert, muss Parzival lernen, und zwar ein Leben lang lernen, um Gralsknig werden zu knnen, und zur Vollendung zu gelangen. Ein Roman voller Zuversicht, der darauf hinweist, dass jeder Mensch zur Vollendung gelangen kann. Parallelen sind sicherlich vor allem auch zum Leben Gauthama Buddhas vorhanden - sofern man die Einsetzung zum Gralsknig, die ritterliche Vollendung Parzivals mit der Erleuchtung im buddhistischen Sinne gleichsetzt.

----

Interessant, dass er zwei Lernphasen braucht, um Gralsknig werden zu knnen. 

Die erste Lernphase - nach der er Ritter und Knig wird, und Blanchevalet ehelicht - macht ihn vom "dummen walisischen Bauerntlpel" zum Ritter, es reicht also fr den weltlichen Anspruch, dem tglichen Leben (als Ritter bzw. Knig) gerecht zu werden. Fr die schwere Prfung auf der Gralsburg reicht diese Lehre noch nicht - hat er doch gelernt, ritterlich edel zu sein, zuzuhren, die Neugier zu bezhmen und zu schweigen.

Die zweite Lernzeit ist viel tiefer, mysthischer, 5 Jahre zieht er durch die Lande, sein Geist verdorrt, er kmpft wahl- und ziellos gegen alles, was sich ihm in den Weg stellt, bis der Einsiedler ihn auf den rechten, den geistigen Weg bringt. Erst nach der zweiten Lernzeit ist er reif fr die Prfung auf der Gralsburg: Dass in gewissen Fllen die ritterlichen Gesetze der Hflichkeit und der zu bezhmenden Neugier auch bertreten werden mssen, um dem Gefhl der einfachen Menschlichkeit Platz zu machen.

Diese zwei Lernzeiten erinnern stark an die fernstliche Weisheit der zwei Lernzeiten bzw. 4 Lebensalter des Menschen: Bis zu seinem ca. 20. Jahr soll der Mensch gelernt haben, im tglichen Leben zu bestehen (1. Lebensalter). Er soll seinen Broterwerb beherrschen, soll eine Familie grnden, und soll 20 Jahre lang "leben", aktiv sein im alltglichen, weltlichen Sinn (2. Lebensalter). Dann kommt die zweite Lernzeit: von ca. 40 bis 60 soll der Mensch sich vertiefen, soll lernen, "weise" zu sein (3. Lebensalter). Dann kommt die zweite Aktivittsphase: er soll ab ca. 60 aktiv sein im Sinne von vertiefter Lebensweise, soll weise sein, ein Ratgeber fr sich und seine Nachkommen (4. Lebensalter).

----

Interessant das Scheitern bei der "Prfung" auf der Gralsburg, dessentwegen er so oft verflucht und verurteilt wird: er hat den alten Gralsknig nicht nach seinem Leiden gefragt. Was ist das fr ein Scheitern? Woran scheitert er? Die Frage liegt ihm auf den Lippen, doch er spricht sie nicht aus. Wrden wir anders reagieren? Ist das nicht ein alltgliches Scheitern, eine alltgliche Unsicherheit? Wie reagieren wir, wenn uns ein Behinderter, ein Kranker vorgestellt wird, unseren Weg kreuzt? Starren wir ihn an? Sehen wir weg? Ignorieren wir beim Small-Talk die Behinderung, tun einfach so, als wrde sie nicht existieren? Sprechen wir ihn darauf an? Verlachen wir ihn? 

Wie reagiert der Behinderte, der Kranke? Manche Behinderte wollen nicht auf ihre Krankheit angesprochen werden, wollen, dass man diese ignoriert, wollen nicht einmal, dass man die Krankheit bercksichtigt. Manche mchten gerne ihr Herz ausschtten. Manche wollen nicht neugierig angestarrt werden. Manche mchten, dass man es bemerkt, dass man darauf Rcksicht nimmt.

Es ist ein alltgliches Scheitern, das Parzival da passiert, eine Prfung, auf die er nach der Ausbildung fr das tgliche Ritterdasein nicht vorbereitet war, und an der er scheitern musste. Erst nach der zweiten Lernzeit, als er "weise" geworden war, das tgliche Leben hinter sich gebracht hatte, war er auf diese Prfung vorbereitet, konnte er diese Prfung bestehen. 

Sind wir in diesem Sinne nicht alle Ritter auf der Suche nach der Gralsburg, kmpfen in unserem tglichen Dasein "gegen alles und jedes, das sich uns in den Weg stellt"? Scheitern wir nicht alle regelmig an dieser Prfung? Doch Parzival gibt uns ein Beispiel: er gibt nicht auf. Er sucht die Burg ein zweites Mal, obwohl ihm gesagt wird, er sei verflucht - was wohl bedeutet, dass es sinnlos ist, diese Prfung ein zweites Mal zu versuchen. Er gibt nicht auf, er schwrt, niemals "sein Haupt zweimal am selben Ort zur Ruhe zu betten, bis dass er die Burg gefunden, und seine Schuld getilgt hat". So sollen auch wir nicht aufgeben, die Gralsburg zu suchen: wir werden dieser Prfung im tglichen Leben immer wieder gegenberstehen, und werden immer wieder scheitern. Leben heit lernen, und wer nicht aufgibt, wird eines Tages allen Widrigkeiten zum Trotz reif sein fr die letzte Prfung, die uns in die Weisheit fhren soll, die uns zum Knig der Gralsburg machen wird, fr die Erleuchtung im fernstlichen oder auch das Eingehen in die Ewigkeit im westlich- christlichen Sinne.

----

Interessant, wie die Suche geschildert wird: er sucht mit Dringlichkeit, mit Nachdruck - und genau deshalb scheitert er, wie ihm gesagt wird.

Also hrt er auf, mit Nachdruck zu suchen, und lsst die Zgel schleifen, lsst das Pferd selbst den Weg entscheiden. Diese Vorgangsweise trgt ihn zwar von einem Abenteuer zum anderen - aber letztlich wird er gescholten, dass er sein Ziel aus den Augen verloren habe, dass er vom Weg, von der Suche abgekommen sei. 

Was soll er also tun? Die Grals(burg)suche funktioniert nicht, wenn man zu aktiv, mit Nachdruck, nachgerade mit Wut im Bauch sucht. Aber sie funktioniert auch nicht, wenn man die Zgel einfach nur schleifen lsst, sich treiben lsst, und sein Ziel vergisst. Man muss geduldig suchen, man muss sich und der Burg Zeit geben, um zu lernen, um wrdig zu werden. Man muss an der Suche festhalten, und nicht aufgeben - aber auch nicht verzweifeln, wenn man nicht gleich Erfolg hat. Weisheit kommt nicht von heute auf morgen und auch nicht auf Befehl: Sie braucht Zeit, sie braucht viele "Abenteuer", an denen man reifen und strker werden kann, sie braucht viele kleine Wunden, aus denen er immer wieder blutet im Verlauf seiner Kmpfe, und sie stellt sich ein, wenn es Zeit dafr ist. Immer wieder schaffen es seine zahlreichen Gegner, seinen Schild zu zertrmmern, seine Rstung zu durchdringen, und ihm "kleine Wunden" zuzufgen: doch auch dann gibt er nicht auf, verbeit sich den Schmerz, packt das Schwert mit beiden Hnden, und zwingt seine Gegner zu Boden. Schaffen es nicht auch unsere "Gegner" in unserem tglichen Leben immer wieder, unseren Schild zu zertrmmern, unsere Rstung zu durchdringen, und uns Wunden zuzufgen (nicht umsonst spricht man bei jemandem, dem so leicht nichts etwas anhaben kann, von einem mit einer dicken Haut, "der hat eine Haut wie ein Elefant", sagt der Volksmund)? Wer bei den ersten kleinen Verwundungen aufgibt, wird den Gral nicht finden, sagt uns der Roman, nur wer - wenn es ntig ist - das Schwert auch einmal mit beiden Hnden fasst, und den Gegner bezwingt, kann weiterkommen. Sagt nicht der Volksmund auch, eine Arbeit "mit beiden Hnden anpacken"? Nichts Anderes ist gemeint. Er zwingt seine Gegner schlielich in die Knie, und lsst sie am Leben, damit sie an den Hof von Knig Artus ziehen knnen: soll heien, auch sie haben weiterhin die Chance, als Ritter zu leben - und damit auch weiterhin auf ihrem Weg und auf ihrer Suche nach dem Gral an sich weiter zu arbeiten. Im tglichen Leben des Alltags sind es die Wunden der Seele, die vernarben mssen, an denen wir aber auch wachsen und strker werden, um schlielich Erleuchtung, Vollendung, Weisheit zu erlangen. 

Freilich muss man auch berufen sein, um die Burg zu finden. Viele Ritter sind ausgezogen, haben ein gutes Leben gefhrt, und die Burg dennoch nie gefunden; nicht jeder Mensch ist berufen, die letzte Weisheit zu erlangen, zum Buddha zu werden, zur Vollendung zu kommen. Hier greift wieder die erste Botschaft des Romans: Niemals aufgeben. Nicht jeder ist berufen, aber jeder soll versuchen, ob er es ist, denn keiner ist berufen, der es nicht versucht. Wer ein liderliches Leben fhrt, der wird nie berufen sein. Die Gnade Gottes mag man geschenkt bekommen, die Gnade der Weisheit, der Vollendung muss man zustzlich selbst aktiv suchen. Und nur der Gral selbst entscheidet letztlich, wem er sich zeigt, und wem nicht: der eine wird ein netter alter Mann, der andere ein geschtzter Weiser, der dritte wird im Alter wieder zum Toren. Man muss berufen sein, um die Gralsburg finden zu knnen, um sich nicht "auf diesem Hgel dort" zu verirren. Aber nur, wer es wagt, auf den Hgel zuzureiten, kann die dahinter liegende Gralsburg auch tatschlich finden. Das ist eine zentrale Botschaft des Romans, und weicht hier stark von der christlich-westlichen Lehre - in deren Umfeld der Roman spielt und geschrieben wurde - ab: einerseits ist es nicht der Einsiedler, der Geistliche, der den Gral findet (also ist nach Meinung des Romanautors eher das weltliche, das aktive Leben fr die Gralssuche, fr die Erlangung der Vollendung vorzuziehen), andererseits kommt es nicht - wie in der christlichen Lehre - nur auf die Gnade Gottes an, sondern sehr wohl auf die eigene Kraft, Zhigkeit und Ausdauer (die im Falle der Suche eines Parzival schon beinahe als Starrkpfigkeit ausgelegt werden muss). 

----

Unklar bleibt mir bislang, welche Rolle seine geliebte Gattin einnimmt, die er ja zurcklsst zugunsten der Suche. 

Es knnte sein, dass zur Zeit der Entstehung des Romans das Umherziehen eines Ritters so selbstverstndlich war, dass darber gar nicht viel weiter nachgedacht wurde. Doch ist der ganze Roman so vielschichtig, so genau abgestimmt, so exakt in allen mysthischen Be- und Andeutungen, dass solch ein einfach- pragmatischer Dankansatz wohl fehl am Platz ist.

Es knnte ein hnlicher Aufruf sein, wie er in der Apokalypse geschildert wird: wer auf den Feldern ist, wenn die Posaunen erschallen, muss gleich gehen; man darf nicht erst nach Hause laufen, um die Familie zu holen. Wenn die Posaunen erschallen, sind die Gesetze der Welt zu Ende: jeder ist fr sich selbst verantwortlich vor Gott, die Verantwortung fr die Frau, die Kinder, die Familie endet mit dem Posaunenton. So geht auch fr Parzival die Suche selbst vor seiner Liebe zu seiner Frau vor, lsst er sie zurck, um die Suche fortfhren und letztlich auch vollenden zu knnen.

Doch Parzival ist doch etwas anders: er kehrt sehr wohl zwischendurch heim zu Blanchevalet, und zieht schweren Herzens wieder fort, um seiner Suche treu zu bleiben. Bei aller Suche nach Weisheit, nach Vollendung darf diese Suche nicht vllig auf Kosten der Liebsten, des Familie, des tglichen Lebens gehen. Der Autor ist wohl mit der einsiedlerischen, der zlibatren Lebensweise vertraut, er findet sie wohl auch ntig, um dem Suchenden Hilfe anbieten zu knnen: aber er verherrlicht sie keineswegs. Den Gral, die Gralsburg findet nicht der zlibatre Einsiedler, sondern der nach dem rechten Weg suchende und strebende Ritter des tglichen Lebens. Ein Versprechen des Grals also an alle: jeder, der das tgliche Leben meistert, die Abenteuer besteht, und dennoch die Suche geduldig nicht aufgibt, hat die Mglichkeit, hat die Chance, berufen zu sein. (brigens auch eine Parallele zu Buddha: auch in seinem Leben gab es berfluss und Alltgliches, gab es Frauen, gab es auch Laster. Buddha hat letztlich alles hinter sich gelassen - zuletzt sogar auch die strenge Askese, die er als zu starke Ablenkung von der Suche nach Erleuchtung ansah, und deshalb ablehnte!)